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paintings | exhibition : cracker 03
cracker 03 - 29.03.2003 - 11.04.2003 - kulturbunker mülheim

 

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review: cracker 03

Der Musiker, Maler und Medienkünstler Markus Giltjes kennt Köln seit langem. Im Mühlheimer Kulturbunker stellt er jetzt erstmals seine bildnerische Arbeit dem hiesigen Publikum vor.

Kunst beginnt oft sehr unscheinbar, mitten im Alltag. Etwa mit der Entdeckung der ästhetischen Qualität von Crackern, drei Stücke davon nebeneinander auf die Tischplatte gelegt. Genau so hat Markus Giltjes sie in weiße Farbe hineingeklebt und ein bild geschaffen, das nicht wenige Menschen banal und idiotisch nennen werden. Doch sie wissen die träumerische Qualität, die den bloßen Materialien und schlichten Dingen innewohnt, einfach nicht zu schätzen, so die Grundeinsicht in der künstlerischen Konzeption des gebürtigen Emmerichers (der lange in Hamburg wohnte und inzwischen in der Lüneburger Heide lebt).

Satt und energisch trägt er die Farben auf kleine und große Leinwände auf, fügt einzelne Fundstücke dazu, einen Fetzen Sackleinen, Wellpappe, Verpackungsreste. Auf ähnliche Weise hatten nach dem zweiten Weltkrieg die Maler des sogenannten künstlerischen Informel der bis dahin vorherrschenden figürlichen Kunst ein für allemal die malerische Schönheit einer abstrakten, namenlosen Struktur als ebenbürtig zur Seite gestellt. Farbschlieren und Risse in der Farbhaut, tückische Rinnsale und die Poesie einer rauhen Oberfläche gerieten in den Blick. Das Bild selbst wurde zur Landschaft, anstatt wie traditionell ein Landschaftsmotiv abzubilden. Giltjes scheint diese künstlerische Spur auf ganz eigene Weise wieder aufzunehmen: ungezwungen und bisweilen rotzig, aus der puren Lust an der Farbe, indem er sich auch vor einem Gag nicht scheut, so wenn er den vom Liebesherzen beflügelten Kronkorken einer St. Pauli-Biermarke ins zentrum eines Bildes setzt.

In der energisch-entschlossenen Machart seiner Arbeiten schwingt auch seine jahrelange Tätigkeit als Schlagzeuger in der New Wave Band "Pink Turns Blue". Alleine die mögliche Be-Deutungen des Bandnamens verweisen bereits auf die vielfältigen Spielarten von Malerei. Rosarot gestaltet Blau. Rosarot verwandert Blau. Rosarot dreht Blau um, stellt es auf den Kopf. Und genau das will der Künstler mit der materialen Farbkraft seiner Bilder: den Alltag auf den Kopf stellen, indem er mit schwarzen Balken und Farbrinnsalen die gewohnte Ordnung durchkreuzt und zeigt, das Risse, Brüche und Ungereimtheiten grundsätzlich die fiktion einer glatten, harmonischen Oberfläche und Geregeltheit durchbrechen. Gerade die Bruchstellen, zufallige oder gezielte, sind dasa Charakteristische seiner Kunst und stellen zugleich die Ver-Bindung zu seiner Musik her.

Auch darin interessien Giltjes vor allen die Übergänge zwischen den Tönen, das Wechselspiel zwischen beiläufig aufgekommenen Klangmomenten und den überraschenden Zusammenhängen. die sich daraus ergeben können. Fast folgerichtig hat er, der sich selbst "Organisator des Zufalls" nennt, Anfang der Neunziger Jahre den Computer entdeckt und das Schlagzeug gegen die Möglichkeit der elektronischen Klangerzeugung eingetauscht. Möglichst offen sollen seine Töne sein und ähnlich wie seine Bilder dem Publikum den größtmöglichen Freiraum geben. Dass bei soviel Zufall die Beliebigkeit in eine gefährliche Nähe rückt, stört den Künstler offenbar nicht weiter. Schließlich ist es wie die Sache mit den Crackern. Die einen stopfen sie blicklos in den Mund, während andere für einen kurzen Augen-Blick vor dem Verspeisen ein erstaunliches Form-Farbspiel darin erkennen. Beides ist möglich. Ohnehin ist alles möglich, und genau diese gesellschaftlich-künstlerische Entwicklung hat eine Kunst wie die von Giltjes überhaupt erst hervorgebracht.

Jürgen Kisters - Kölner Stadt Anzeiger



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